Styropor entsorgen

Hitzige Diskussion um ausgediente Wärmeisolierung

Es herrscht Aufregung bei Betrieben und Bauherren im Land. Der Grund: Der Deutsche Bundesrat hat die verschärfte Umsetzung einer EU-Richtlinie beschlossen und das Flammschutzmittel HBCD zum 1. Oktober als „gefährlichen Abfall“ deklariert. Dämmplatten, die diesen Stoff enthalten und jahrzehntelang Hausfassaden isolieren durften, wurden plötzlich als Sondermüll eingestuft. Expandiertes Polystyrol (EPS) mit HBCD zu entsorgen, wäre damit kompliziert geworden. Denn: Baustoffe, die mehr als 1.000 mg/kg des Flammschutzmittels aufweisen, hätten nicht nur auf der Baustelle einen eigenen Container bekommen müssen. Sie hätten auch nur noch in Verbrennungsanlagen mit entsprechender Zulassung thermisch verwertet werden können.  

Betroffen gewesen wären davon laut Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) bis zu 60.000 Tonnen an Dämmstoffabfällen jährlich. Nach lautem Protest von allen Seiten sind die Verantwortlichen jetzt zurückgerudert. Die Entsorgung von Styropor-Dämmung kann vorerst weiter mit dem normalen Bauschutt erfolgen.  

HBCD: Das unerwünschte Brandschutzmittel

Auslöser der Diskussion ist der Stoff HBCD (Hexabromcyclododecan): Eine bromhaltige Chemikalie, die vor allem Polystyrol-Dämmungen beigemischt wird, um sie schwer entflammbar zu machen. HBCD ist dabei in die chemische Struktur eingebunden und kann bei normaler Nutzung von EPS-Produkten und unter normalen Temperaturbedingungen nicht entweichen. In Dämmstoffen ist es darum ungefährlich.  

Hexabromcyclododecan ist aber grundsätzlich giftig und biologisch schwer abbaubar. Werden mit HBCD behandelte Dämmstoffe auf Mülldeponien entsorgt, kann der Stoff ins Grundwasser gelangen – und sich über diesen Weg in Organismen anreichern. Deshalb wird die Verbindung seit 2008 als besonders besorgniserregender PBT-Stoff gelistet. „PBT“ steht dabei für „persistent“, „bioakkumulativ“ und „toxisch“. 2013 wurde HBCD weltweit als „POP“– „persistent organic pollutant“, zu deutsch „langlebiger, organischer Schadstoff“ – eingestuft.

Herstellung und Verkauf sind deshalb seit 2014 gemäß POP-Verordnung verboten. Ausnahme: In Wärmeisolierungen aus EPS darf das Flammschutzmittel noch bis 2018 verbaut werden – weshalb die HBCD-Entsorgung weiterhin ein Thema sein wird.

HBCD-Entsorgung kann teuer werden

Mit der neuen Einstufung von HBCD als „gefährlicher Abfall“ wäre die Bauschuttbehandlung kompliziert geworden. Der Grund: Das Kreislaufwirtschaftsgesetz fordert die strikte Trennung und separate Entsorgung von Gefahrstoffen. Die meisten Verbrennungslagen hätten den Styropor-Sondermüll nicht annehmen dürfen, weil ihnen Technik und Zulassung fehlen, um eine fachgerechte HBCD-Verwertung zu leisten. Das hätte sich auf die Kosten ausgewirkt: Der BDE schätzt die Mehrbelastung für Bauherren auf bis zu 240 Millionen Euro im Jahr – aufgrund eines gestiegenen Verbrennungspreises, der mit bis zu 4.000 Euro pro Tonne zu Buche geschlagen hätte. Das ist zwanzigmal so hoch wie die bisherigen Entsorgungskosten als Baumischabfall für rund 200 Euro pro Tonne.  

Um diesem Szenario zu entgehen, hat das Bundesumweltministerium jetzt eingelenkt. HBCD-haltige Dämmung muss bis auf Weiteres nicht von sonstigen Bauabfällen getrennt werden. Baumischabfall mit maximal 0,5 Kubikmeter HBCD-Dämmplatten pro Tonne wird nicht als „gefährlicher Abfall“ eingestuft und darf auch künftig in Müllverbrennungsanlagen thermisch verwertet werden. Die einzelnen Länder sind aufgefordert, entsprechende Erlässe herauszugeben.  

Auch wenn das Entsorgungsproblem damit vorerst abgewendet ist: Wer sichergehen möchte, dass die Styroporplatten an der Fassade frei von HBCD sind, sollte auf die Produkt-Etikettierung schauen. Als PBT-Stoff muss das Flammschutzmittel hier entsprechend angegeben sein. Alternativ können Bauherren über ein Online-Formular des Umweltbundesamtes bei Herstellern und Händlern anfragen, ob HBCD in der EPS-Dämmung steckt. Gibt es keine Belege mehr, hilft das aber nicht: Klarheit, ob problematisches Flammschutzmittel in dem Material enthalten ist, bringt dann nur eine chemische Analyse. Dafür gibt es mittlerweile Schnelltests, die direkt vor Ort durchgeführt werden können.

Alternativer Brandschutz auf und in Fassaden

Der expandierte Polystyrol-Hartschaum EPS ist unbestritten die Nr. 1 bei den Fassadendämmungen. Seit dem Verbot von HBCD hat die Industrie deshalb Alternativen entwickelt. Um die notwendige Einstufung als „schwer entflammbar“ ohne Zusatz von HBCD zu erreichen, wird seit einigen Jahren das alternative Flammschutzmittel PolyFR eingesetzt: ein Kunststoff mit Bromzusatz, der nicht giftig ist und sich nicht im Organismus anreichert. Bauherren können ihre Fassaden also weiter mit Styropor dämmen lassen, ohne sich Gedanken um eine möglicherweise teure HBCD-Entsorgung vor der nächsten Sanierung machen zu müssen.  

Wer auf Nummer sicher gehen und ganz auf synthetische Stoffe verzichten möchte, setzt auf die ökologische Alternative und dämmt natürlich. Zellulose, Hanf oder Holzfasern isolieren hervorragend, sind baubiologisch unbedenklich, gut zu recyceln und diffusionsoffen: Sie regulieren die Luftfeuchtigkeit und schaffen ein gesundes Raumklima. Selbstverständlich muss auch der nachhaltige Bio-Bau nicht auf Brandschutz verzichten. Hier gibt es spezielle Produktlösungen, die das Thema in seiner Gesamtheit angehen: Mit brandfesten Beschichtungen aus zementartigen und dämmschichtbildenden Systemen, die die Stabilität der Baustruktur erhalten – und Heim und Bewohner schützen.  

Die Perspektiven sind gut  

Die erfreulichen Nachrichten: Es sieht im Moment so aus, als wäre der Kelch an Bauherren, die altes Styropor entsorgen müssen, vorübergegangen – und in styroporgedämmten Wänden zu wohnen ist unbedenklich, auch mit HBCD. Wer sicher sein will, dass er auch in Zukunft nicht mit Mehrkosten rechnen muss, sollte auf EPS-Dämmplatten mit PolyFR setzen. Das ist als Flammschutzmittel auch perspektivisch unproblematisch und ebenso effektiv.  

Eine in vielerlei Hinsicht attraktive Alternative: ökologische Baustoffe in Verbindung mit ganzheitlichen Brandschutzkonzepten. Denn Wohngesundheit liegt im Trend. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten beim wohngesunden Bauen zu werfen.

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